Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg

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Freitag, den 18. Juni 2010 um 12:30 Uhr

Festrede von Prof. Dr. Dieterich (Prager Burschenschaft TEUTONIA zu Würzburg et Königsberger Burschenschaft GERMANIA zu Hamburg) zum Burschentag  2010:

„Was uns zusammenhält“

Hohes Präsidium, verehrte Festkorona,

wenn ein großes Jubiläum seinen Schatten voraus wirft, so wie das unsere in einer halben Deka­de, dann pflegen traditionsbewusste Vereinigungen ihre Grundlagen zu bedenken und über die „Faustische Frage“ zu räsonieren, was ihre Welt noch „im In­nersten zusammenhält“. Für die bur­schenschaftliche Welt ist das von existentieller Bedeutung, weit mehr als ein Kneipritual. - Dass aber diese Selbstreflexion in Gang kommt, zeigt, dass die Burschenschaft die Zeichen der Zeit erkannt hat, angesichts der Kontroversen der Ver­gangen­heit, der Gruppenbildung im Inneren und vor allem auch der Konsequen­zen, die nicht weni­ge Bünde aus dem scheinbaren Fehlen einer Antwort gezo­gen haben: „Nichts hält uns mehr hier“. Angelangt an diesem Punkt kommt es da­rauf an, eine politi­sche Philoso­phie zurück zu gewinnen, die neue Inte­grations- und Bindungs­kraft für die Ära unserer Postmoder­ne freisetzt. Ich glaube, dies kann gerade dadurch gelingen, dass wir uns auf die gemein­sa­men Wurzeln besinnen und vergewissern, was auf dem Spiel stünde, wenn die Burschenschaft ihre Wesensnatur dem obwaltenden Zeitgeist der Moderne zur Disposition stellte.

BurschenschafterturmDas Fazit dieser Überlegungen sei – rhetorisch unüblich - zu Beginn vorweggenommen. Es lautet wie folgt: Das Gedankengut der Burschenschaft ist tiefer in der abendländischen Geistesgeschichte ver­ankert als alles, was aktueller Streit zertrennen kann. Burschen­schafter zu sein, bedeutet, die alten Werte so zu internalisieren, dass sie nicht nur als historisches Wissen oder philosophische Theorien in unseren Gehirnwindungen hausen, sondern in bewuss­­ter Zustimmung angenommen werden, um als Maximen und Leitlinien des Lebens unser Handeln zu steuern. Wenn sich jemand so als Burschen­schafter definiert, dann gehört diese Eigenschaft zum Kernbestand seiner Person. Aus einem Verband kann man austreten, nicht aber aus seiner eigenen Persönlichkeit, auch wenn bei deren Selbsterkundung manches Missliebige zutage tritt. Deshalb können wir weder aus der Kul­turge­schichte un­seres Volkes austreten, noch aus dem Gedankengut der Burschenschaft, dessen Prägungskraft uns auszusetzen, wir ja –notabene- alle einmal unseren Bünden versprochen haben.

Die erste Station bei der Rekonstruktion unserer geistesgeschichtlichen Wurzeln gibt gleich Gelegenheit, uns eines anderen, alles andere als unbedeutenden Jubiläums zu erinnern: Vor 225 Jahren formulierte Immanuel Kant in der Heimatstadt und Universi­tät des Bun­des, dessen Band ich mit Stolz als zweites trage, seine „Beantwortung der Fra­ge, was ist Aufklärung?“ [1] „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Un­mündigkeit ist das Un­ver­mö­gen, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen“.  Wer in dieser Runde kennt diese Sätze nicht! Weil Kant ein vorsichtiger Mann war, sprach er nur von „selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Aber zwischen den Zeilen des Traktats wird klar, dass die viel umfassen­dere Unmündigkeit des vorburschenschaftlichen Bürger­tums mit zu bedenken ist, eine Bedrängnis, die nicht nur das Denken in Ketten legte, sondern  alle Facetten des Lebens vergiftete: zur Zeit Kants verhängt durch ei­ne rücksichtslos-igno­rante Vormundschicht bis hin zur Leibeigenschaft, zur Zeit der Urburschen­schaft durch eine brutal agierende Besatzungsmacht und heute durch selbsternannte Hüter einer Political Correctness, die nach Art einer imaginären Obrigkeit alle politische Moral und Weisheit für sich re­klamiert.

Totengedenken am EhrenmalSollten wir dann nicht in der gleichen Verbundenheit unsere Stimme erheben, wenn eine virtuelle Bruderschaft der „Politisch Korrekten“ erneut die Nation in geistige Leib­eigenschaft zu nehmen versucht, ja ihre Verdum­mung verordnet, Existenzen vernichtet und jedermann vorschrei­ben will, was er denken darf - und v. a. was er nicht denken darf, wenn er nicht als Rechtsradikaler diffamiert werden will? Wäre das nicht wichtiger als innere Differenzen zu kultivieren? Und wenn wir schon dabei sind, anstehende Jahres­tage zu beschwören, warum dann nicht auch den 150. Todestag von Ernst Moritz Arndt (vom 29.01.1860), des Vorkämpfers für Einheit und Rechtsstaatlichkeit, für Meinungs- und Pressefreiheit und nicht zuletzt für die Abschaffung der Leibeigenschaft? Dür­fen wir es nicht als ermutigendes Vorzeichen einer beginnenden Wider­setzlichkeit gegenüber dem Zeitgeist interpretieren, wenn die Universität Greifswald sich über die amtierenden Bedenken­trä­ger hinwegsetzt und ihre Namensgebung nach unserem Ver­bandsbruder erneuert, trotz seiner verbaler Entgleisungen und trotz intellektueller Fehlleistungen, die doch keiner – und schon gar kein Burschenschafter - zu übersehen braucht? Die Burschenschaft ist ein Kind der Aufklärung. Ihre historische Leistung ist die politische Interpretation der Philosophie der Mündigkeit. Wer sonst, wenn nicht sie, darf sich berufen fühlen, den Kampf um ihre erneute Bedrohung wie­der aufzunehmen?

Immanuel Kant argumentiert, dass der Schritt zur Mündigkeit nicht so einfach ist. „Es ist also für den einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten“, erklärt er und resümiert“, dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich“. Deshalb ha­ben sich Studenten des Jahres 1815 zu dem Publikum vereinigt, das sie „Burschenschaft“ nannten: um ihren Intellekt zu bündeln, um geistige und politische Mündigkeit für die großen Ziele freizu­setzen. So steht die Burschenschaft als Erbin der freiheitlichen Studenten­bewe­gung des 19. Jahrhunderts bis heute in der Tradition der Aufklärung. Ihr gebührt das historische Pri­mat der Einigungs- und Demokratiebewegung in Deutschland. Ist das nicht Grund genug, dieses Bündnis umso fester zu halten, anstatt uns in Richtungskämpfen zu verzetteln, wo sich doch neue Angriffe auf geistige Unabhän­gigkeit an diesem burschen­schaftlichen Gedankengut entfachen wie an einem Grillanzünder? Es ist doch wirklich eine lästige Marotte dieser Gesellschaft, die jedem Ignoranten erlaubt, seinen po­litischen Heiligenschein zu polieren, in­dem er auch ein­mal auf echte oder vermeintliche Rechte einknüppelt. Trifft’s einen Falschen, was tut’s, es war ja gut gemeint. Ein Kollateralschaden des antifa­schis­­tischen Chi­mä­renkamp­fes.

FestkommersKant argumentiert: „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht in einem Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Das haben die Bundesbrüder des Jahres 1815 wohlverstanden, dass nämlich Aufklärung und geistige Mündigkeit nicht jedermanns Sache sind. Mut und Ver­stand sind angesagt. Verstand woll­ten sie durch die Konzentration des Bündnisses auf die akademische Elite gewährleisten sowie durch ein Selbster­zieh­ungs­prinzip durch Wis­sen­schaft­­­lich­keit. Die Forderung an Mut wurde in einem Ehrenprinzip ver­ankert, das den Einzelnen zum Einstehen für seine Überzeugung, u. U. auch mit dem blanken Schläger, verpflich­tet. Man mag zur Mensur stehen, wie man will. Sie ist die Symbolhandlung, die das Einstehen „pro pa­tria“ über jeden Verbalpatriotismus hinaus zur Bewährungsprobe in einer existentiellen Bedrohungserfahrung macht: Ini­tia­tionsritual und Vorgeschmack für das, was es heißen kann, Burschenschafter zu sein.

Der Gedanke aber, durch Bildung und Erziehung die physischen und geistigen Kräfte der Person zur Ausprägung zu bringen, führt weit zurück in die Philosophie des Humanismus. Deren Erziehungsgrundsatz ist doch, den Menschen durch Bildung von einem nicht menschengemäßen Naturzustand zum eigentlichen Humanum der geisti­gen Reife zu führen Für die Burschenschaft ist dies nichts anderes als das Fitnessprogramm zum Trainieren der bürgerlichen Kompetenzen, die den Anspruch eines aufgeklärten Bildungsbürgers auf Autonomie und Beteiligung am Geschick der Nation recht­fer­ti­gen: Bildung als Vehikel zur Überwindung von Unterdrückung und zur Le­gitima­tion der Partizipationsansprüche. Wenn die Burschenschaft ein Kind der Auf­klärung ist, so ist sie ein Enkelkind des Hu­manismus. Nicht zufällig stand schon an dessen Anfang der Satz des Pico della Mirandola (1486) [2] , den wir als Burschenschafter gerne unterschreiben: „Die Philosophie hat mich gelehrt, lieber vom eigenen Gewissen als von fremden Urteilen abhängig zu sein“. Im kommenden Jahr erlebt auch diese denkwürdige Erkenntnis einen runden, den 525. Geburtstag.

So ist es dann kein Wunder, dass der Bildungshumanismus zur Zielscheibe zeitgeistlinientreuer Bildungskritik geworden ist: Das Abmurksen der Humboldt’schen Universität, Ausbildung statt Bildung, Bachelor statt Diplom, sind ihre spektakulären Errungenschaften. In überzogener Schärfe markiert sie das noch immer aktuelle Feindbild [3] der 68er Gesellschafts­kritik: Als Beleg soll ein Zitat (leicht gekürzt) nach Arno Combe dienen, aus einem seinerzeit in der Päd­agogen­zunft viel Beifall erregendem Opus: Resistenz gegenüber Reformen im Schulwesen, scha­blo­nenhafte Denkschemata von der Natur des Men­schen, Personifizierung kom­plexer sozialer Tatbestände, elitäres Denken, Rekurs auf innere Werte und traditionsfeste Elemente des deutschen Bildungshumanismus, ein mittelständisches Gesellschaftsbild, eine Sicht von Schule und Gesellschaft, das von Gemeinschafts- und Gemeinwohlideologien durchsetzt ist, Ordnungsvorstellungen obrigkeitsstaatlicher Observanz usw. Wir dürfen uns wieder erkennen. Das im Übrigen sehr intelligente Werk (1971) [4] feiert – Sie ahnen es schon - demnächst auch einen runden, nämlich 40 jähri­gen Geburts­tag. Liebe Verbandsbrüder, das ist die Klarzeichnung des Feindbilds, das aus der Zeit der APO über uns gekom­men ist. So sehen in den Augen der 68er und ihrer aktuellen Widergänger „Ewig-Gestrige“ aus. Ob die „Ewig­-Mor­gi­gen“ ih­ren Feind schon zur Strecke gebracht haben, möge sich jeder selbst überlegen.   

Dass ihr Kampf gegen den Bildungshumanismus ganz ohne Erfolge geblieben sei, sollte niemand glauben. Es mag ja auch ein bislang noch unentdecktes Men­schen­recht auf Dummheit geben. Als Burschenschafter nehmen wir es eher nicht in Anspruch. Vielmehr: wenn wir schon dabei sind, das Andenken großer Jubiläen heraufzubeschwören: halten wir uns doch an den prominentesten aller Huma­nis­ten, Eras­mus von Rotterdam. Vor vermutlich exakt 500 Jahren (die Angaben schwanken zwischen 1509 und 1511) erschien die Urform des satirischen Meisterstücks „Das Lob der Torheit“. [5] “Es ist schön, von der Torheit Schelte zu kriegen“ heißt es da, und an anderer Stelle: „Von den Schlechten verlacht zu werden, ist fast schon ein Lob“. Fühlen wir uns also gelobt und gewinnen getrost dem Bildungshumanismus die Überzeu­gung ab, dass die Persönlichkeit eines Menschen gesteigert wird, wenn er sich voll bewusst in eine große Tradition stellt, dass er in seiner Person die Zeitspanne der individuellen Existenz transzendieren kann, wenn er die Formung seines Daseins durch historische Prägekräfte realisiert!

FestkommersAuf dem geistesgeschichtlichen Fundament von Humanismus und Aufklärung baut die Burschenschaft auf. Am Anfang ihrer Erfolgsgeschichte stand die politische Interpretation von Kants Programm der Aufklärung. Entstanden als Kampfgemeinschaft gegen obrigkeitlich verordnete Unmündigkeit, unter demokratischen Bedin­gun­gen der Gegenwart geläutert zur zeitgeistkritischen Wertegemeinschaft, die Gedankenfreiheit in lebenslanger Gemeinschaft pflegt: so wollen wir sie in die Zu­kunft führen.

Ihr Wahlspruch leitet sich schlüssig aus den geistesgeschichtlichen Wurzeln ab. An diesem Fundament gibt es nichts zu rütteln. Ohne die Grundwerte, „Ehre, Freiheit, Vaterland“, sollte es keine Burschenschaft mehr geben. Dass sie schon wieder bedroht sind, das ist es, was uns antreibt und zusammenhält.

Aus dem Respekt vor dem aufgeklärten Mitbürger, der Anerken­nung seiner Fähigkeit und seines Willens, frei und selbstbewusst am Geschick seines Landes teilzunehmen, erwuchs das erste Prinzip des Wahlspruchs „Ehre“; aus der Rebellion gegen Untertanentum das zweite, „Freiheit“, aus Kampf gegen die Besatzungsmacht das dritte: „Vaterland“. Das bleibende Ver­mächtnis der Burschenschaft, das wir in ihre politische Philosophie der Postmoderne her­überretten wollen, ist die Erkenntnis von der untrenn­baren Einheit der burschenschaftlichen Wertetrias.

Der Ehrenstandpunkt, d.h. zwischenmenschlicher Respekt im Umgang miteinander ist weitgehend abhanden gekommen in einer Kultur, die als Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft zwangläufig mit nur schwachen Bindungskräften ausge­stattet ist. Der alte Ehren­standpunkt und lebenslange Bundesbrüderlichkeit, das begründet Solidarität nach Art der Burschenschaft, und das soll unsere Antwort auf die Entsolidarisierung der Gesellschaft bleiben.

Der Freiheitsgedanke wurde im Laufe von zweihundert Jahren in die Form einer rechtsstaatlichen Demokratie gegossen. Niemand, der seinen Verstand beisammen hat, wird bezweifeln, dass wir in einer Demokratie leben. Die Burschenschaft hat ihren Anteil daran. Ihre „Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktobers“, so der Titel des Manifests zum Wartburgfest (1817) haben Eingang in alle deutschen Verfassungen gefunden. Heute stehen sie im Grundgesetz, und Burschen­schafter waren unter des­sen Vätern. Und dennoch bleibt zu konstatieren, dass die Form, in der sich unsere Parteiende­mokratie verwirklicht, den burschenschaftlichen Freiheitsgedanken nur unvollkommen realisiert:

Die demokratischen Spielregeln des Staates funktionieren vom Leitprinzip einer im Grundsatz unsolidarischen Gesellschaft her. Deren Mehr­heit wird die Gestaltungshoheit überantwortet und die Schrankenlosig­keit der Machtausübung durch Ge­walten­teilung und Gesetz gebändigt. Ein demo­kratischer Staat muss so konstru­iert sein, dass er auch mit lausigen Demokraten zurechtkommt. So weit so gut. Es kann aber der burschenschaftlichen Vorstellung einer Nation stiftenden Volksverbundenheit nicht genügen, wenn sich das Demokratie­verständnis des Parteien-Staates in der Kon­flikt­bändigung schon erschöpft. Einfach ausgedrückt: Zuviel Partei, zuviel Ge­setz, zuviel Gewaltenteilung, zu viel Bändigung, zu wenig menschlicher Respekt und Fairness, zu wenig gesellschaftlicher Minimalkonsens: Zu wenig Burschenschaft!

Nicht einmal das Konfliktmodell des Parteienstaats will so recht funktionieren. In unserer Ge­sellschaft erringt gar nicht ein Mehrheitskonsens der Bürger die Gestaltungs­hoheit, sondern eine politischen Klasse jedweder Couleur, die von nicht wenigen Menschen im Lande auch schon mal pauschal und pars pro toto für unfähig und korrupt gehalten wird. Die Bürger betrachten degoutiert, wie sich die Parteien um den Staat als Beute rangeln. Was gern als „Po­litikver­drossen­heit“ beklagt wird, ist vielleicht die fortgeschrittene Phase einer fatalen Entwicklung: Begonnen als Politikerverdrossenheit, derzeit im Stadium der Politikver­dros­senheit, könnte sie in eine re­gel­rechte Staatsver­drossenheit münden. Funktionsverlust der politischen Klasse, mangelnde Identifikation des Bürgers mit der Elite, zu­sam­men mit dem allgegenwärtigen Krisenszenario, welches längst in ein chronisches Stadium übergetreten ist, das sind genau die Ingredienzien, die nach der politischen Theorie imstande sind, eine stabile Demo­kra­tie in eine revolutionäre Situation umkippen zu lassen. Aber ausgerechnet vor der Burschenschaft, der nichts näher am Herzen liegt als Freiheit und Menschen­wür­de, nehmen die Hütehunde der political correctness Witterung auf. Ein Bei­spiel kann ich mir angesichts der jüngsten Wahlergebnisse nicht verkneifen: Der Kommunismus seit Lenin und Stalin über Mao bis Pol Pot und ihre Epigonen hierzulande hat grob geschätzt etwa hundert Millionen Menschenleben gekostet; ein Mehrfaches dessen, was selbst dem Nationalsozialismus anzulasten ist. Aber im Unterschied zu letzterem dürfen sich dessen weichgespülte Untote ungeläutert in der po­li­ti­schen Landschaft tummeln nach dem Motto „weiter so“: Eine grandiose Leistung!

Aber als Bur­schen­schafter darf man das anders sehen. Und man darf sich Sorgen machen um die Demokratie in diesem Land. Deshalb muss die Burschenschaft erhalten bleiben, um der Konfliktdemokratie das Gegenmodell einer bundesbrüderlichen Konsensgemeinschaft entgegenzusetzen: gelebte und gewährte Gedankenfreiheit als Vertrauensbasis des Zusammen­lebens. Die Burschenschaft ist keine Partei. Sie dient keiner Interessengruppe, sondern dem ganzen Volk. Sie ist nicht an politischer Macht interessiert, sondern am Überleben ihrer Werte.

Patriotismus als dritte Maxime der burschenschaftlichen Wertetrias ist das Hass­ob­jekt schlechthin. Zugegeben: sie wurde auch am stärks­ten missbraucht und fehlinterpretiert, auch von Burschenschaftern. Wie lebens­wichtig es aber gerade in einer Kon­fliktgesellschaft ist, Interessenkämpfe nicht nur durch die Spielregeln der Konfliktregulierung zu bändigen, sondern auch durch einen Minimalkonsens von Gemein­schafts­geist, wird mitunter auch von Seiten unserer Politiker notiert, die dann schon einmal – wie etwa weiland Herr Stoiber - räsonieren, „der gute, alte Nationalstaat habe noch nicht ausgedient und verdiene es, zuweilen lobend erwähnt zu werden“ [6] (FAZ 28.01.02). Der sehr geschätzte Alt-Bun­des­präsident Herzog hätte es gern etwas konkreter, und er hat deshalb der Nation „Verfassungspatriotismus“ angeraten. Aus den genannten Gründen kann man als Burschenschafter damit leben. Aber kann ein Gesetzeswerk, bei dessen Zustandekommen des Volkes Wille ausdrücklich uner­wünscht war und ist, Patriotismus begründen? Patriotismus entsteht nach burschenschaftlichem Verständ­nis aus Mitverantwortung und Mitwirkung. Wo diese fehlen, wäre er ohne Grundlage und Ziel, mit ei­nem Wort: „blind“. Blinder Patriotismus droht immer zu entgleisen, zu defizitärem Fußballnationalismus oder zu jenem entarteten Springerstiefel-Chau­­vinismus, mit dem wir gern in einen Topf geworfen werden.

Bundesbrüder des SRG-KartellsFür mich ist Patriotismus ein Leben aus Dank­­barkeit für die Teilhabe an einer großen Kultur. Sie ist die Kraft, die mich geformt hat, ein Stück meiner selbst, die Geschichte und Leistungen meiner Vorfahren, an denen ich partizipiere. Diese Kultur hat meiner Seele den Drang nach Freiheit eingepflanzt, geistige Wur­zeln getrieben, die mein intellektuelles Potential ernähren und die Sprache geformt, die meinem Denken Früchte reifen lässt. So bescheiden das Pflänzchen auch aussehen mag: dafür bin ich dankbar. Ich möchte gern so leben, dass ich ihr nicht zur Schande gerei­che und in aller Bescheidenheit meinen Anteil zurückerstatten kann. Die Burschenschaft hilft mir dabei. Kann es da wirklich von spaltender Spreng­kraft sein, ob Bünde es dabei belas­sen - oder das Band nur mit jungen Menschen teilen wollen, die die Kraft, die uns verbindet, ausschließlich in der Schicksalsgemeinschaft des Volkes finden?

Humanismus und Aufklärung sind der philosophische Felsengrund, Ehre, Freiheit, Vaterland das politische Fundament, auf dem das Gebäude des burschenschaftlichen Gedankenguts errichtet sein soll. An einzelnen Etagen muss noch gemauert und gezimmert werden: an der politischen Positionierung, an der Präzision des Verhältnisses zum Staat und zu Europa, am Verhältnis zu Brauchtum, Geschichte und Tradition, der Zielansprache für die Zukunft und einigem mehr. Wir arbeiten daran!

Ich wünsche der Burschenschaft, dass es ihr gelingen möge, die Zeit bis zu unserem großen Jahrestag zu nutzen, sich für eine politische Philosophie zu positionieren, die ihre Zukunft in den Blick nimmt, ohne ihre Wurzeln zu kappen. Ich wünsche uns eine Burschenschaft, die keinen Abstrich an dem Wahlspruch ihrer Gründungsväter zulässt und doch die Größe besitzt, dem Interpretationsspielraum ih­rer Grundwerte fruchtbare Impulse des politischen Diskurses statt Zank und Streit ab­zugewinnen; ei­ne Burschenschaft, die es nicht nötig hat, Bundes­brüder zu anderen Bekenntnissen in die Pflicht zu nehmen als für Ehre, Freiheit, Vaterland. Möge uns das Erringen eines politi­schen Stand­orts gelingen, jenseits des Partei­en­­gerangels und der Kriterien von links und rechts, aber mit einer klaren Abgrenzung von Ex­tre­mis­mus beider Seiten einschließlich des Extremismus der Mitte, dessen Existenz die Tugendgouvernanten des standpunktfreien Zeitgeists offenkundig noch nicht bemerkt haben. Ich wünsche uns einen rationalen, aufgeklärten Patriotismus mit einem Ver­hält­nis zum Staat, das keine Liebesbeziehung sein muss, aber kritisch-respekt­voll mit­tragend gegenüber dem besten Staat, den die Deutschen je hatten und dem besten, den sie kriegen können, einem Staat, in dem man auch Deutscher und Europäer sein kann, so wie man Bayer und Deutscher oder Münchener und Bay­er ist. Wenn wir es in der halben Dekade bis zu unserem großen Jahrestag schaffen, in Of­fenheit für die neuen Werte der Postmoderne zur Walstatt im Kampf für Geistesfreiheit und Mündigkeit gegen Bevormundung durch den obwaltenden Zeitgeist der Moderne zu werden, dann – da bin ich sicher - kann die Burschenschaft mit Zuversicht den Weg in ihr drittes Jahrhundert antreten.



  1. Kant, I (1784). Beantwortung der Frage, was ist Aufklärung“. Berlinische Monatsschrift, Dezemberausgabe 1784
  2. Pico della Mirandola, G. (1486). Rede über die Würde des Menschen
  3. Combe, A. (1971). Kritik der Lehrerrolle. Paul List Verlag, München
  4. Erasmus von Rotterdam (1509 bis 1511). Lob der Torheit
  5. Erasmus von Rotterdam (1509 bis 1511). Lob der Torheit
  6. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.01.2002
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